„Eine gute hospizliche und palliative Begleitung ist die beste Suizidprävention“
Trauer, Verzweiflung, Wut, Überforderung, aber auch Liebe und Dankbarkeit: Einen geliebten Menschen in seinen letzten Lebensmonaten zu begleiten, kann jede Menge Emotionen auslösen. Dazu kommen viele konkrete Fragen, die gelöst werden müssen. Zunehmend werden Mitarbeitende in Krankenhäusern nach den Möglichkeiten des in Deutschland erlaubten assistierten Suizids gefragt. Patient:innen, Angehörige, Ärzt:innen und Pflegende stellt diese Anfrage vor große Herausforderungen. Daher hat das Klinische Ethikkomitee am Florence-Nightingale-Krankenhaus die Mitarbeitenden der Kaiserswerther Diakonie Ende Januar zu einem Ethik-Café eingeladen.
„In Deutschland gibt es ein Grundrecht auf selbstbestimmtes Sterben sowohl für Gesunde, als auch für Kranke. Damit haben wir die liberalste Regelung in Europa. Nur weiß das keiner. Auch beim Fachpersonal ist die Unsicherheit groß, was erlaubt und was verboten ist“, so eröffnete Prof. Dr. med. Martin Neukirchen, Leiter der Palliativmedizin der Uniklinik Düsseldorf, seinen Vortrag. Und er sprach die häufiger gehörte Frage aus: „Können Sie mir beim Sterben helfen?“
„Doch was steckt hinter dieser Frage?“, wandte er sich an die zahlreichen Teilnehmenden aus dem Krankenhaus, dem Hospiz und weiteren Bereichen der Kaiserswerther Diakonie: Ärzt:innen, Pflegefachpersonen, Seelsorger:innen und ehrenamtliche Mitarbeitenden. „Meist meinen die Menschen, wenn Sie sagen, dass Sie nicht mehr leben möchten: ‚Ich möchte SO nicht mehr leben.‘“
Er begrüßte, dass Düsseldorfer:innen, die unter einer lebensbedrohlichen Erkrankung leiden und die explizit einen Sterbewunsch äußern, die Möglichkeit auf Abklärung dieses Sterbewunsches auf einer Palliativstation haben. Die Mitarbeitenden der multiprofessionellen Teams lindern belastende Symptome, arbeiten dort mit ihnen in Gesprächen über die Sterbewünsche Bedürfnisse heraus und klären über Alternativen auf. „Oft haben die Patientinnen und Patienten Angst vor Symptomen wie beispielsweise Schmerzen oder Sorge, ihre Autonomie zu verlieren. Wenn sie Lösungswege kennen lernen, nehmen sie oft von ihrem Suizidwunsch Abstand“, schilderte Prof. Neukirchen aus seiner Erfahrung. Über das Düsseldorfer Hospiz- und Palliativforum, dem auch die Kaiserswerther Diakonie angehört, wurde eine Handlungsempfehlung zum Umgang mit Palliativpatient:nnen mit anhaltendem Sterbewunsch in Düsseldorf verabschiedet. Diese ist auf der Homepage des Forums unter www.dhpf.de zu finden.
Er fasste zusammen: „Hilfe zur Unterstützung in suizidalen Krisen, zur Hospizbetreuung und Palliativversorgung muss leichter zugänglich sein als die Hilfe zur Selbsttötung. Das schließt aber nicht aus, dass Palliativversorger:innen in einzelnen Situationen Suizidhilfe leisten. Durch eine verlässliche palliativmedizinische und hospizliche Begleitung gelingt es jedoch in der Regel, Sterbewünsche in den Hintergrund treten zu lassen.“ Dabei sei wichtig, die Familie offen einzubeziehen und den Patient:innen zu vermitteln: „Wir stehen an Ihrer Seite, wir begleiten Sie bis zum Lebensende.“
Die anschließenden Nachfragen und Diskussion werden im März bei einem weiteren Ethik-Café fortgesetzt, bei dem Jan Schildmann, Leiter des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Halle-Wittenberg und Mitglied im Vorstand der Zentralen Ethikkommission (ZEKO) bei der Bundesärztekammer, erwartet wird.